In Belfast mit der U19 angekommen

Liebe Freunde,
nachdem ich meinen 10 tägigen Urlaub auf dem Fahrrad und in den Grachten der Niederlande verbracht habe, bin ich jetzt mit der U19 in Belfast angekommen.
Dort starten wir morgen gegen Schottland in unser Unternehmen „Europameisterschaft“. Mehr davon in den kommenden Tagen. Heute will ich einmal auf die Frauen EM und die‎ „Torhüterinnen“eingehen.
Vorab:
Die Niederlande ist Europameister 2017!
Herzlichen Glückwunsch an unsere Nachbarn!!

Das gestrige Spiel gegen die Däninnen war wirklich über mehr als 90 Spielminuten sehr interessant und eine absolute Werbung für den Frauenfußball nachdem es im gesamten Turnierverlauf zu häufig Magerkost gab! Danke dafür an beide Teams, die in diesem Finale mit 6 Toren gezeigt haben, dass beide diesen Titel zu 100% wollten. Ein schön anzusehendes Spiel, viele Tore und ein volles Haus!
Nun ist es so….die nächsten 4 Jahre haben die Oranje Leeuwinnen den Europameisterinnentitel inne!
Nun zum eigentlichen Thema.
Da ich beim DFB als verantwortliche Torwarttrainerin für die Talentgewinnung sowie die Ausbildung der U15 bis U20 Nationalmannschaften zuständig bin, schaue ich natürlich auch auf die internationale Entwicklung, um letztlich Erkenntnisse für meine Arbeit im Jugendbereich zu gewinnen.
Einige Dinge sind bei der Frauen EM zwischen den Pfosten ziemlich schief gelaufen.
Aus meiner Sicht haben sich die Torhüterinnen teilweise weiterentwickelt, besonders auf der Linie….
…es gibt allerdings einen Bereich, in dem fast alle Torhüterinnen ihre Defizite haben und große Probleme zeigen. Und da sind auch die meisten Torwartfehler entstanden! Nämlich in der Verteidigung von hohen Bällen.
Sehr viele Fehler haben der ein oder anderen Mannschaft den Sieg gekostet oder sie sind in der Konsequenz sogar aus dem Turnier ausgeschieden. Ein Torwartfehler kann am Ende des Tages über Sieg oder Niederlage entscheiden. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Torhüterinnen Position ist eben besonders und braucht deshalb auch besondere Typen. Ich habe nicht nur unsere deutschen Spiele live verfolgt sondern auch die ein oder andere Partie im TV.
Mehr als ein Dutzend TW Vauxpas führten zu Gegentoren.
Auch den gestrigen Freistoß der Niederländerinnen muss die dänische Torfrau halten!
Da gibt es aus meiner Sicht keine 2 Meinungen.
Egal welche Mannschaft es betroffen hat.
Ob die Schweiz (die dann ausgeschieden ist), Schweden, Frankreich, Dänemark, Italien um nur Einige zu nennen.
Selbst die erfahrenen Torhüterinnen wie Schwedens Hedwig Lindahl oder Frankreichs Sarah Bouhaddi liefern immer wieder Böcke in ihrem Torwartspiel und treten alles andere als souverän auf.
Eklatant und das ist augenscheinlich ist: alle Torhüterinnen haben große Probleme im Flankenbereich sowie im Allgemeinen bei Bällen die hoch aufs Tor fliegen.
Es passen viele Dinge nicht zusammen.
Die Position zum Ball, das Anlaufverhalten und Timing sowie am Ende Absprung und Durchsetzungsvermögen.
Das ist eine Fehlerkette die in der Häufigkeit zu Fehlgriffen führt.
Das zeigt allerdings auch auf dass diese so wichtige Technik deutlich zu wenig trainiert bzw. vernachlässigt wird.

Ich beobachte diese Probleme auch in unserem Jugendbereich.
Davon können auch wir uns noch nicht frei sprechen.
Weder im Jugend- noch im Frauenbereich.
Mal klappt’s und dann wiederum werden die Flanken unterlaufen oder der Ball wird fallen gelassen.
Aus diesem Grund liegen die Schwerpunkte und Trainingsinhalte in unseren U-Nationalmannschaften immer in der Bewegung zum hohen Ball.
Und so werden auch die „Hausaufgaben“ an die Mädels verteilt.
Die Frage ist nur:
Was macht der Heimtorwarttrainer daraus?
Wenn Schrittfolgen und Absprungverhalten nicht automatisiert sind kann eine Torhüterin durch Körpergröße oder Sprungkraft eventuell in der ein oder anderen Situation noch Glück haben.
Dennoch sieht man auch bei groß gewachsenen Torhüterinnen dass mit fehlendem Timing und vorhandenen technischen Defiziten im Detail Probleme und am Ende eben auch Gegentore entstehen.
Um ehrlich zu sein ist die „Körpergröße“ zwar wichtig, aber da ich noch keine 1.90 cm große Torhüterin gesehen habe müssen wir uns im weiblichen Bereich (wie auch in anderen Techniken) auf die optimale technische Ausführung sowie athletische Komponenten konzentrieren!
Wir haben in den vergangenen 4 Jahren einen DFB Ausbildungsleitfaden entwickelt.
Dort‎ haben wir uns auf die Bewegungsabläufe der jeweiligen Techniken konzentriert.
Wie oft höre ich:
„Die hält ja keinen Ball fest“ oder „Die unterläuft ja jede Flanke“.
„Und kicken kann sie auch nicht“
Der Ausbildungsleitfaden dient der Torhüterin sowie den TW Trainern/ innen die einzelnen technischen Bausteine der fast 32 Techniken zu entwickeln und auszubilden.
Denn Bälle halten darf kein Zufall sein!
Um Bälle halten zu können muss die Torhüterin erst einmal ausgebildet werden!
Dann kann man das Ganze irgendwann einmal Torwarttraining nennen!
Und bei dem Punkt „Ausbildung“ scheitert es aus meiner Sicht zu häufig an der Qualität der Torwarttrainer, die vermutlich in ihrer aktiven Zeit auch mehr auf`s Bälle halten konzentriert waren als auf die wichtigen Details, um in der Summe die Bälle entschärfen zu können.
Es reicht eben nicht 100 Flanken vor das Tor zu schlagen und unter Umständen vorher noch über 5 Hütchen oder Stangen zu laufen.
Das wird am Ende des Tages nicht zielführend sein.
Unser Ausbildungsleitfaden ist aus meiner Sicht eine große Unterstützung.
Wir haben ihn im Mädchen/ Frauenbereich vor knapp 4 Jahren entwickelt und unter einem großen Zeitaufwand geschrieben.
Es wurden Videos gedreht, Fotostrecken entwickelt und wie schon erwähnt die einzelnen technischen Schritte an Leitbildern beschrieben.
Mein damaliger TW Trainerkollege Michael Fuchs sowie meine Honorartrainerkollegen und ich haben diese Lektüre ins Leben gerufen.
Im vergangenen Jahr wurde die 1. Auflage überarbeitet und auf den U19 Bereich erweitert. Bis dato ging der Ausbildungsleitfaden von der Entwicklung der U13 bis zur U17.
Der DFB Frauen- sowie Männerbereich vertritt mittlerweile eine einheitliche Ausbildungsphilosophie. Denn in der Entwicklung der Torhüter sowie Torhüterinnen ist es immens wichtig dass alle „die gleiche Sprache sprechen“.
Ob wir dadurch am Ende die besseren oder sichereren Torhüter/ innen ausbilden werden bleibt abzuwarten.
Der Erfolg liegt eben im Umgang und der Umsetzung sowie dem Ehrgeiz und Fleiß jeder Torhüterin und nicht in einem geschriebenen Buch welches unter Umständen in der Ablage „P“ landet.
Nun zu meinem 2. Thema:
Auch im Mitspielverhalten, dem Spielaufbau unter Druck gab es bei der EM große Unterschiede zwischen den Torhüterinnen der einzelnen Nationen.
Zu wenig Torhüterinnen können nur mit einem Fuß spielen und das auch nicht durchweg souverän.
Außerdem muss die Torhüterin Spielverständnis mitbringen.
„Wann sollte ein Spiel schnell gemacht werden, wann sollte sie das Tempo einmal heraus nehmen“.
Eine gute Höhe zur Abwehr ist ein wichtiger Bestandteil um aktiv mitspielen zu können.
Dazu gehören variable Spieleröffnungen.
Ob mit Hand oder Fuß,- Genauigkeit sowie Passschärfe sind das A&O.
Eine technisch „limitierte“ Torhüterin, die nur mit einem Fuß einen Spielaufbau betreiben kann, gibt ihrer Mannschaft nicht immer die optimale Sicherheit im Spiel mit bzw. gegen den Ball.
Von der fußballerischen Qualität ist auch die Spielweise der eigenen Mannschaft abhängig!
Eine gut mitspielende Torhüterin ist eben die 11.te Feldspielerin!
Rausschlagen oder die Ruhe und Übersicht auch in Drucksituationen behalten.
Darin unterscheidet sich die Qualität einer guten von einer sehr guten Torhüterin.
In diesem Bereich gibt es noch großen Entwicklungsbedarf.
Nur die einzelnen Techniken separiert trainieren ist zwar nicht schlecht, aber Spielverständnis, Spielschnelligkeit sowie die Übersicht im Detail holst du dir nicht im Individualtraining.
Aus diesem Grund ist es mir in unserer Ausbildung sehr wichtig, dass unsere jungen Torhüterinnen solange und so oft es geht im Feld mitspielen und in das Mannschaftstraining integriert werden.
Es gibt ja Gründe warum Torhüterinnen im Tor spielen und eben keine Feldspielerinnen geworden sind.
Gerade deshalb MUSS der Trainer großen Wert auf die Ausbildung der Fußtechniken seiner Torhüterin legen und sollte sie idealerweise immer in das Mannschaftstraining integrieren und mitspielen lassen.
Zudem muss die Torhüterin so viel Ehrgeiz und Zielstrebigkeit aufbringen die Fußtechniken eigenständig zu üben und zu trainieren.
Fakt ist:
Nur eine Torhüterin die „halten“ und „kicken“ kann wird international eine Chance haben.
Obwohl wir zu viele Torhüterinnen Vauxpas bei der EM gesehen haben….
Die Entwicklung wird weiterhin vorangetrieben wenn Geld in Torwarttrainer/ innen investiert wird.
Wer immer noch am falschen Ende spart darf sich am Ende eben auch nicht beschweren und die Augen verdrehen wenn ein Ball schon wieder durch die Hände geflutscht ist.

…Deshalb hoffe ich, dass wir bei unserem U19 Turnier so gut vorbereitet sind das wir zwischen den Pfosten Sicherheit, Ruhe und Souveränität ausstrahlen werden!

 

Herzliche Grüße aus dem schönen Belfast
Eure Silke